Ein kleines Kapitel gratis für Sie

Hier finden Sie ein Kapitel das als Anregung dienen soll.
(Auszug Seite 68 bis 71)

3. „MÄRCHENWALD“
Metaphern und Geschichten zum Thema: Erster Kontakt

Für kleinere Kinder geht es beim Umgang mit dem Pferd oft noch nicht um eine zielgerichtete Form des Reitenlernens. Für sie ist es meistens wichtiger, das Pferd in Ruhe kennenlernen zu können und Zeit für die Begegnung mit dem Pferd und dessen Umwelt zu haben. Zeigen sich kleine Kinder schon sehr leistungsorientiert im Umgang mit dem Pferd, stellt sich bei näherem Hinsehen oft heraus, daß einfach nur wenig Ideen darüber vorhanden sind, was man mit dem Pferd außer zu galoppieren und Hufschlagfiguren zu reiten noch machen könnte. Im folgenden Spielvorschlag werden Möglichkeiten vorgestellt, wie kleine Kinder (3 bis 7 Jahre) auf spielerische Weise mit dem natürlichen Lebensraum des Pferdes vertraut und dabei für einen guten Umgang mit dem Pferd sensibilisiert werden können.

Wir beginnen die Einheit mit einer kleinen Geschichte oder der Darstellung einer Szenerie. Die Aufmerksamkeit des Kindes wird dadurch auf einen Ausschnitt der ansonsten sehr komplexen Lernsituation gelenkt. Die Geschichten sind überschaubar und auf die kindliche Phantasiewelt dieses Alters abgestimmt. Sie haben einladenden Charakter, geben wenig Regeln und Anforderungen vor und lassen dem Kind Spielraum zu entscheiden, wie weit es sich auf das Thema der Geschichte einlassen will. Außerdem kann die Arbeit auf der symbolischen Spielebene dazu beitragen, Situationen mit dem Pferd auf eine bisher ungewohnte neue Weise zu erleben.

Beispiel: Bianca, ein sehr aufgewecktes, manchmal auch forderndes Mädchen, ist gerade 5 Jahre alt geworden. Sie reitet in einer Gruppe mit zwei weiteren, gleichalterigen Mädchen. Bianca möchte gerne selbständig reiten lernen. Es fällt ihr allerdings noch sehr schwer, sich auf ausschließlich eine Situation einzustellen. Sie möchte über Hindernisse reiten, im gleichen Moment aber auch in den Wald und kurz darauf möchte sie gerne ein anderes Pferd ausprobieren. Was das Pferd ihr geben könnte, kann sie gar nicht aufnehmen, da sie mit ihren Gedanken immer bei neuen Möglichkeiten verweilt. Daraus resultiert, daß sie bisher kaum eine Verbindung zum Pferd entwickeln konnte. Der Wechsel auf die symbolische Spielebene kann Bianca entlasten, indem ihr spannende, kindgemäße Erfahrungen mit dem Pferd auf einer anderen als der leistungsorientierten Ebene möglich werden.

Wir verlagern dazu die folgenden Reitstunden ins Gelände und wählen für jede Stunde ein bestimmtes Gelände aus, das durch eine Geschichte oder durch unsere Beschreibung für Bianca eine besondere Bedeutung erhält. Bianca ist dadurch in ihrer Aufmerksamkeit gefordert, sie erhält Anregungen von außen, aber kann trotzdem bei sich und ihrer Wahrnehmungsweise bleiben.

Einstieg
Zur Einstimmung in die Einheit werden verschiedene Gegebenheiten im Gelände, wie z. B. ein kleines Waldgebiet, ein Bachlauf, eine Obstbaumwiese oder einfach ein schöner Wiesenweg, durch meine Erzählungen zu „märchenhaften Plätzen“. Die bildhafte Situation fordert Bianca auf hinzuschauen, hinzuhören und das Pferd und sich in der Umgebung wahrzunehmen.

Verlauf
1. Stunde: Der Ritt zum Märchenwald. „Der Märchenwald, zu dem wir heute reiten wollen, heißt (für die heutige Stunde) so, weil hier ganz besondere Tiere, Zwerge und vielleicht sogar Feen wohnen. Es gibt im Märchenwald kleine Höhlen, Verstecke und „Häuser“ aus Ästen und Zweigen. Wir können Spuren von Tieren finden oder Verstecke entdecken, wenn wir mit unserem Pferd ganz leise durch den Wald schleichen und die Tiere nicht erschrecken. Mit eurem starken oder mutigen Pferd können wir begehbare und nichtbegehbare Wege und Fährten suchen und dabei beobachten, ob eure Pferde sich im Märchenwald auch wohlfühlen würden.“

Bianca kann entscheiden, wie intensiv sie sich auf das Bild einlassen will und was sie von den Anregungen aufgreifen möchte. Sie kann, ohne allzu enge Vorgaben, ihr Pferd und dessen Umgebung kennenlernen und ist dabei mit ihrer Aufmerksamkeit auch auf das Verhalten ihres Pferdes bezogen. Indem sie versuchen muß, einen Weg für ihr Pferd zu finden auf dem es leise gehen kann, oder indem sie erlebt wie ihr Pferd mit gespitzten Ohren und hochgerecktem Hals die neue Umgebung betrachtet, kann sie mit ihrem Pferd in Kontakt kommen.

2. Stunde: Der Kletterweg. „Wir haben heute einen schwierigen Weg durch ein fremdes, wildes Land zurückzulegen. Über umgefallene Baumstämme, über einen steilen Aufstieg, über kleine Bodenwellen im Wald wollen wir heute die Geschicklichkeit unserer Pferde testen. Ob sie wohl den steilen Berg zwischen den Bäumen hochklettern können, oder ob wir sie da führen müssen? Welches unserer Pferde könnte am besten vorausgehen? Wir werden herausfinden, welches unserer Pferde gerne klettert und welches eher ängstlich ist. Wir können feststellen, ob sie beim Klettern stürmisch sind und leicht stolpern, oder ob sie ganz behutsam Fuß um Fuß heben.“

Auf spielerische Weise kann Bianca einen einfühlsamen Umgang mit dem Pferd erlernen. „Der Kletterweg“ regt dazu an, sich mit dem Wesen des Pferdes auseinanderzusetzen und seine besonderen Eigenheiten kennenzulernen. Bianca kann erfahren, daß sie in Zusammenarbeit mit ihrem Pferd auch schwierige Situationen bewältigen kann. Durch die äußeren Anforderungen (z. B. einen steilen Berg überqueren) wird sie ermuntert, sich auf die Wahrnehmung ihres Pferdes und auf dessen Bedürfnislage einzustellen.

3. Stunde: Der Flüsterweg. „Es wird heute schon langsam dämmrig wenn wir losreiten, und im Wald ist es ganz ganz still und friedlich. Wenn wir genau hinhören, können wir erkennen, wie das Laub unter den Hufen der Pferde raschelt, wie die Äste knacken, wenn unser Pferd darauf tritt und wir hören das Schnauben der Pferde zwischen den Bäumen. Ganz leise ist irgendwoher ein Vogel zu hören und im Gebüsch knacken ein paar Zweige, vielleicht ein Reh? Unsere Pferde laufen heute mit gespitzten Ohren durch den Wald und heben bei jedem Geräusch, auf das wir aufmerksam geworden sind, den Kopf.“

Bianca kann lernen, differenziert auf Geräusche zu hören, die in der Umgebung und im Zusammenhang mit dem Pferd entstehen. Sie kann erleben, wie intensiv die Verbindung zwischen ihr und ihrem Pferd werden kann, wenn sie gemeinsam mit ihm auf die gleiche Sache, das Hören, konzentriert ist.

Abschluß
Die Einheit schließt innerhalb der Symbolebene ab. Je nach Verlauf der Geschichten kann am Ende der Einheit etwas für die Kinder und ihre Pferde im Wald versteckt sein, das sie gemeinsam suchen müssen. Eine andere Form des Abschlusses könnte sein, daß im letzten Teil der Geschichte, vom Kind bestimmte Aufgaben und Rätsel zu lösen sind, mit deren Bestehen die Einheit endet.

Ansatzweise können dadurch auch schon Problemstellungen, wie unkonzentriertes Verhalten, Ängstlichkeit oder mangelndes Wahrnehmungsvermögen beim Kind angesprochen werden. Es sollte allerdings berücksichtigt werden, daß Kinder im Alter von bis zu sechs, sieben Jahren noch sehr spielerisch und offen lernen. Soll die Motivation am Umgang mit dem Pferd langfristig erhalten bleiben ist es also sinnvoll, das Kind nicht zu früh mit einem leistungsorientierten Unterricht zu überfordern.

Die Einheit half Bianca, im Umgang mit ihrem Pferd ruhiger und konzentrierter zu werden. Zu Beginn der ersten Stunde reagierte sie noch sehr zurückhaltend und skeptisch auf die Geschichte. „Einen Märchenwald gibt es doch in Wirklichkeit gar nicht“ äußerte sie dazu. Aber bereits im Verlauf der zweiten Stunde gelang es ihr schon besser, die Perspektive ihres Pferdes einzunehmen. Sie entdeckte, wie aufmerksam und feinfühlig ihr ansonsten manchmal stürmisches Pferd dabei wurde. Durch die bessere Verbindung zu ihrem Pferd konnte sie auch häufiger selbständig mit ihm umgehen, was sie besonders stolz machte.

Weitere Vorschläge
Je nach den Gegebenheiten im Gelände können diese Spielentwürfe weiterentwickelt oder fortgesetzt werden. So gibt es in unserer Nähe noch eine Schlucht, die wir die „Teufelsschlucht“ nennen, eine Quelle mitten im Wald, eine kleine Kapelle am Waldrand oder einen knorrigen, dreigeteilten Baum, der in einer Geschichte zum „Zauberbaum“ wurde. Mit etwas Phantasie können sich diese Orte alle in Schauplätze und abenteuerliche Reiserouten verwandeln. Sie können das Kind motivieren und ermutigen, sich später auch auf größere „Reisen“ mit dem Pferd einzulassen.